Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney

Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeney

Januar 27, 2018 2 Von BenniCullen
Buchcover: © Klett-Cotta Verlag

 

Titel: Das Nest
Autorin: Cynthia D’Aprix Sweeney
Verlag: Klett-Cotta
Seiten: 410
Ausgabe: Hardcover
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 13. Februar 2017
Preis: 19,95 €
ISBN-10: 3608980008
ISBN-13: 978-3608980004

Melody, Jack, Bea und Leo sind Geschwister. Sie sind in ihren Vierzigern, stehen mitten im Leben und sie haben immer gewusst, sie würden eines Tages erben. Aber was, wenn die Erbschaft ausbleibt? Ein warmherziger, humorvoller und scharfsinniger Roman darüber, wie der Kampf ums Geld Lebensentwürfe und Familien durcheinanderbringen kann.


Als Kinder haben sie einander geneckt, als Erwachsene verbindet die Geschwister Melody, Jack, Beatrice und Leo Plumb nur noch eine gemeinsame Erbschaft. Mitten in der Finanzkrise brauchen alle dringend Geld. Melody, Hausfrau und Mutter, wachsen die Ausgaben für ihr Vorstadthäuschen und die Collegegebühren ihrer Töchter über den Kopf. Antiquitätenhändler Jack hat hinter dem Rücken seines Ehemanns das Sommerhaus verpfändet. Beatrice, erfolglose Schriftstellerin, will endlich ihr Apartment vergrößern. Doch kurz bevor das Erbe ausbezahlt wird, verwendet ihre Mutter es, um Playboy Leo aus einer Notlage zu helfen. Unfreiwillig wiedervereint, müssen die Geschwister sich mit altem Groll und falschen Gewissheiten auseinandersetzen. Aber vor allem müssen sie irgendwo frisches Geld auftreiben …
Meisterhaft erzählter, böser und witziger Familienroman.

Dieses Buch lag seit Erscheinung am 13. Februar 2017 auf meinem SuB und ich wollte immer wieder danach greifen, habe es aber dann aus unterschiedlichen Gründen nie geschafft. Und dann war es so weit: Gemeinsam mit einer Co-Bloggerin (liebe Grüße an Karin von Buchgefieder an dieser Stelle) begab ich mich auf die Reise nach New York und lernte die vier Plumb-Geschwister kennen. Vorher kannte ich die Autorin noch gar nicht und auch diese Art von Roman steht jetzt nicht regelmäßig auf meiner WTR-Liste – deshalb konnte ich so gar nicht abschätzen, wie gut mir die Geschichte gefallen wird oder halt nicht.

Leo, Melody, Jack und Bea führen nach außen hin ein unkompliziertes Leben: Leo ist Millionär, der gar nicht mehr arbeiten muss, um zu überleben. Melody hat Zwillinge, ist glücklich verheiratet und lebt in ihrem Traumhaus bei New York. Jack hat seine große Liebe gefunden und besitzt sogar ein Sommerhaus. Und Bea ist zwar nicht die erfolgreiche Autorin geworden, die sie werden wollte, aber immerhin hat sie einen sicheren Job bei einem kleinen Verlag und lebt glücklich in ihrer Eigentumswohnung. Doch das nur nach außen hin. Denn eigentlich plagen alle große Laster. Gut, dass sie sich da auf ein finanzielles Polster freuen können: Ihr Vater hat für sie alle Geld angelegt. Das so genannte Nest soll sie finanziell unabhängig machen. Doch ein Unfall verändert alles und plötzlich ist das Erbe nicht mehr so groß, wie angenommen. Ob sie die Facade, von glücklichen und reichen Menschen da noch lange aufrecht erhalten können?

Ich muss sagen, dass ich die Geschichte von Anfang an mochte und interessant fand. Es sind echte Probleme von echten Menschen, die mit Dingen zu tun haben, die uns alle betreffen könnten. Ich fand diesen realistischen und sehr erwachsenen Aspekt der Geschichte wirklich gut dargestellt. Das Thema Schulden ist ja gerade in der heutigen Zeit allgegenwertig und man hört immer wieder von den Sorgen und Ängsten, die Betroffene in solch einer Situation haben – besonders dann, wenn es aussichtslos erscheint. Ich fand, dass genau das zum Tragen kam und die Geschichte so glaubwürdig präsentiert wurde, ohne alles durch eine rosarote Brille erzählt zu bekommen. Dabei waren die Probleme so vielfältig wie das Leben, was der Story eine Komplexität gegeben hat, die ihr gut getan hat.

Besonders hervorheben möchte ich die Entwicklung (fast) aller Figuren. Am Anfang war mir unter den Geschwistern eigentlich nur Bea so richtig sympathisch, Jack war mir in vielen Aspekten ein zu großer Lügner, Melody war für mich für ihre 40 Jahre viel zu naiv und Leo war von Anfang an der Proll, der eigentlich mal so richtig eine drübergezogen bekommen sollte. Zwar verfolgte ich interessiert, wie die vier mit den Herausforderungen umgehen, die ihnen das Leben bringt, allerdings rollte ich nicht nur an einer Stelle mit den Augen. Der Autorin ist es allerdings wirklich gut gelungen, die Figuren auf eine Reise zu schicken, auf der sie viel über sich selbst, ihre Einstellung und ihren Charakter erfahren. Das führte dazu, dass ich schlussendlich viele Eindrücke, die ich zu Beginn hatte, revidieren konnte und mich mit den meisten Figuren gefreut habe, dass sie jetzt dort sind, wo sie sind. Und auch hier wieder: Es ist kein typisches, aber eben ein echtes Ende für einen Roman und genau das rechne ich Frau Sweeney hoch an. Das und ihre Art und Weise Entwicklungen darzustellen.

Neben des Hauptplots finden aber so allerlei Nebenstränge statt, die sich um die Geschichte wickeln. Anfangs dachte ich ja, dass man sich hier auf ein paar kleinere Zusatzgeschichten konzentriert, aber die Autorin hatte wohl vor ein großes Ganzes zu erschaffen und verlor sich hier teilweise in unwichtigen Nebenaspekten. Mir waren viele Ausführungen einfach zu detailreich dargestellt und ganz ehrlich: Ich hätte sogar auf manche Aspekte komplett verzichten können. Denn dann wären auch einige Personen gar nicht aufgetaucht. Und da kommen wir schon zu meinem zweiten Kritikpunkt: Die Fülle an Personen, die die Geschichte vorstellt. Karin hatte irgendwann mal gezählt und es waren über 20 Figuren, die wir kennengelernt haben. Viel zu viel, wenn man uns fragt, weshalb eine Reduzierung des Plots und dadurch auch der Figuren sinnvoll gewesen wäre.

Der Schreibstil war anfangs etwas holprig und recht kompliziert, so gab es immer mal wieder tausend Nebensätze und ganz viele Erklärungen in Klammern, die mich am Anfang etwas irritiert haben. Mit der Zeit hatte ich mich aber daran gewöhnt, deshalb mein Tipp: Solltet ihr das Buch lesen wollen, dann stellt euch darauf ein, dass der Anfang etwas gewöhnungsbedürftig ist. Dennoch lohnt es sich dran zu bleiben, denn man stellt sich mit der Zeit darauf ein. Dafür ist am Anfang relativ viel los, da vergisst man dann schon mal den Schreibstil. Übrigens haben wir in der Geschichte einen auktorialen Erzählstil, was ich immer ungewöhnlich finde, da ich meist die Ich-Perspektive gewohnt bin. Dennoch schafft es die Autorin, das Gefühlsleben der Figuren treffend darzustellen, was ich bei diesem Erzählstil umso wichtiger finde.

Insgesamt mochte ich die Idee der Geschichte und genoss es total, endlich mit erwachsenen Problemen in Büchern konfrontiert zu werden. Für manche mag sich das jetzt total lächerlich anhören, aber oft habe ich das Gefühl, dass Bücher bestimmte Aspekte des Lebens verschönigen oder den Mantel des Schweigens darüber legen. Ganz anders in “Das Nest”: Hier werden wir mit der Realität konfrontiert und versuchen sie, gemeinsam mit den Figuren, erträglicher zu machen. Abzüge gibt es für den komplexen Aufbau und die teilweise unnötigen Nebenhandlungen, allerdings gewichte ich diesen Punkt nicht wirklich sehr, da zumindest alles Sinn ergeben hat – auch wenn es hier und da unnötig war. Und auch an den Schreibstil gewöhnt man sich und lernt, wie man die Geschichte zu lesen hat. Dafür vergebe ich 4 Sterne und empfehle die Geschichte all jenen, die Hoffnung im Alltag suchen – ihr findet sie mit diesem Buch.