Fanatic von Anna Day

Fanatic von Anna Day

Dezember 4, 2017 0 Von BenniCullen
Buchcover: © Chickenhouse Verlag

 

Titel: Fanatic
Autorin: Anna Day
Verlag: Chickenhouse
Seiten: 496
Ausgabe: Hardcover
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 2. November 2017
Preis: 19,99 €
ISBN-10: 355152100X
ISBN-13: 978-3551521002

 

Nur weil du eine Geschichte liebst, musst du nicht für sie sterben! 


Violet liebt »Galgentanz«. Sie liebt das Buch, sie liebt den Film, sie wäre gerne wie Hauptfigur Rose und an Willow, den männlichen Hauptdarsteller, hat sie ihr Herz verloren. Und plötzlich steckt sie mittendrin. In ihrer Lieblingsgeschichte! Doch nicht nur das – hier ist nichts so, wie sie es zu kennen glaubt. Denn Rose ist tot und Willow ist zwar attraktiv, aber der geheimnisvolle Ash ist viel interessanter. Jetzt muss Violet alles daran setzen, dass »Galgentanz« das richtige Ende findet. Wie soll sie sonst jemals in die Realität zurückkehren?


Für alle, die schon immer in ihrer Lieblingsserie mitspielen wollten.



//In genau einer Woche werde ich gehängt. Ich werde für meine Freunde, meine Familie und vor allem für die Liebe gehängt. Ein Gedanke, der überraschend wenig Trost spendet, wenn ich mir vorstelle, wie sich die Schlinge um meinen Hals zieht, meine Füße nach festem Boden suchen, meine Beine strampeln … in der Luft tanzen. Heute Morgen war ich noch völlig ahnungslos. Heute Morgen war ich bei der Comic-Con, habe den Geruch von Hotdogs, Schweiß und Parfüm aufgesogen und die leuchtend bunten Kostüme, das Blitzlichtgewitter, die Basstrommeln und Geigen auf mich wirken lassen. Und gestern war ich noch in der Schule, war gestresst wegen eines blöden Englisch-Referats und habe mir gewünscht, in einer anderen Welt zu sein. Man sollte mit seinen Wünschen vorsichtig sein. Sie könnten in Erfüllung gehen. Und dann kann es wirklich ätzend werden.//

 

Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – ein herzliches Dankeschön dafür (:

Als mir dieses Buch an der Leipziger Buchmesse 2017 vorgestellt wurde, fühlte ich mich direkt angesprochen. Denn wer kennt es nicht? Man liebt ein Buch, einen Film, eine Serie abgöttisch und würde sich wünschen, auch mal in diese Welt eintauchen zu können. Nicht nur von Zuhause aus auf dem Sofa, sondern als tatsächlicher Bestandteil der Welt, als reale Figur, die mit den anderen Personen interagieren und die Geschichte beeinflussen kann. Ein Traum einer jeden Leseratte, oder? Also, ich würde ja sofort nach Forks, um Edward zu begegnen. Oder vielleicht doch nach Hogwarts? Doch irgendwie eine schwere Entscheidung. Gut, dass sich unsere Protagonistin in “Fanatic” sicher ist: Für sie gibt es keine bessere Welt als die in ihrem Lieblingsbuch “Der Galgentanz”. Doch sind die Welten, die wir uns so süß-romantisch vorstellen, wirklich so ungefährlich?

Und plötzlich befindet sich Violet, ihre Freundinnen Alice und Katie sowie ihr kleiner Bruder Nate in einer dystopischen Welt, die in zwei Lager geteilt ist: Die Gems sind genetisch perfekt erschaffene Menschen, die nicht nur unfassbar gut aussehen, sondern mindestens genauso schlau und hingebungsvoll sind. Auf der anderen Seite sind da die Imps, also jene Menschen, die Makel und Fehler aufweisen und deshalb unter den Gems stehen. Sie dienen den perfekten Menschen und lassen sich seit Jahrhunderten unterdrücken. Nach dem ersten Schock, verfallen besonders Violet, Alice und Nate dem Zauber ihrer Traumwelt, nur um dann relativ schnell festzustellen, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint. Die Gruppe muss einen Ausweg aus der Welt finden, doch das stellt sich als gar nicht so leicht heraus. Gelangen die vier Freunde wieder in ihre eigene Welt? Und kann Violet ihrem Schwarm aus dem Buch widerstehen?

Ich war von dieser Idee so fasziniert und beeindruckt, dass ich total motiviert in die Lektüre gestartet bin. Und am Anfang habe ich genau das bekommen, was ich wollte: Ich konnte Violet und ihre Liebe für “Der Galgentanz” total nachvollziehen. Die Autorin schaffte es, die Begeisterung der Figur sehr gut aufs Papier zu bringen und den Leser damit anzustecken, sodass einem selbst das Herz raste, wenn man die Figuren aus dem Buch plötzlich “vor sich stehen hatte” und man zum Fangirl mutierte, weil man Elemente des Buches plötzlich “ganz real miterlebt” hat. Diese verschobene Realität (also ich, der ja das Buch “Fanatic” liest und in diesem Buch wiederum ein anderes Buch feiert) war sehr interessant und wurde von der Autorin wirklich gut umgesetzt. In der Mitte dachte ich mir irgendwann, dass mir jetzt etwas fehlt. Denn ja, man liebt irgendwann die Welt, stellt dann aber fest, dass es gar nicht so einfach ist, in dieser zu leben, doch dann hatte ich Angst, dass man sich nun in dieser Grundidee verliert und nichts mehr daran anschließt. Weit gefehlt! Bei ziemlich genau der Hälfte kam ein Ereignis, welches alles verändert hat und die Geschichte in eine Richtung gelenkt hat, mit der ich niemals gerechnet hatte und die mich wirklich begeistert hat, erinnerte sie mich doch tatsächlich an den Klassiker “Schöne neue Welt” von Aldous Huxley. Genau dieser Punkt war es auch, der für mich die Atmosphäre des Buches geändert hat: Aus einem fantasylastigen Jugendbuch wurde plötzlich eine Geschichte, die eine Aussage dahinter hat; etwas, was zum Nachdenken anregt und durchaus auch kritisch reflektiert werden kann. Und es wollte gar nicht mehr aufhören: Immer wieder streute die Autorin neue Aspekte in die Geschichte, die sie veränderten und vorantrieben und einen atemlos zurück ließen. Das hat mir sehr gut gefallen und führte dazu, dass ich das Buch gar nicht mehr aus den Händen legen konnte.

Neben der Idee konnte mich allerdings auch der Schreibstil überzeugen. Die Geschichte spielt in England, natürlich kann man hier nicht die verschiedenen Akzente ins Deutsche übersetzen, aber die Charaktere waren so toll konstruiert, dass man allein an deren Aussagen oder Ausführungen heraushören konnte, wie sie reden würden: Katie scheut sich nicht davor ihre Meinung zu sagen, nutzt die ein oder anderen Schimpfwörter und hält sich nicht zurück, wenn es darum geht, um ihre Freunde zu kämpfen. Die Autorin beschreibt sie so treffend und findet wunderbare Worte, um sie zum Leben zu erwecken, dass man sich als Leser sofort in diese Figur verliebt und noch viel mehr von ihr lesen wollen würde. Dass sie dabei aus Manchester kommt, passt sehr gut, da viele Menschen, die ich in dieser Stadt kennengelernt habe, tatsächlich einen solchen Charakter haben. Doch auch Alice wird mit ihrer etwas eingebildeten Art sehr gut getroffen. Auch hier fand ich, dass allein die Auswahl der Worte, die sie äußert oder mit denen sie beschrieben wird, ein gutes Bild ihrer Persönlichkeit abgibt. Damit sind die (Neben-)Charaktere wirklich sehr gut getroffen und man hat wirklich das Gefühl, einen guten Einblick in die Gruppendynamik zu erhalten.

Schön fand ich auch den emotionalen Bezug, den man schnell zu den Personen gewinnt. Violet ist dabei natürlich die Sympathieträgerin, da sie als Protagonistin genauso reagiert, wie man es wahrscheinlich selbst tun würde und nicht auf den Kopf gefallen ist. Ihre Handlungen sind einleuchtend und nachvollziehbar, weshalb ich es toll fand, alle Ereignisse von ihrem Standpunkt aus mitzuerleben. Neben ihr hat es mir ihr Bruder Nate angetan. Wie süß, witzig und schlau dieses kleine Kerlchen ist – ich war von Anfang an großer Fan und fand die Rolle, die er im Buch eingenommen hat, grandios! Für mich ein wahrer Fanfavorite-Charakter, da er bestimmt von vielen Lesern ins Herz geschlossen wird. Dabei entwickeln sich die Figuren immer weiter und sind am Ende viel reifer und erwachsener als noch zu Beginn der Geschichte – genau das erwarte ich von einem guten Jugendbuch. Dass dabei die Entwicklung so groß ist, war nicht zu erwarten, was mich umso mehr freut.

 

Ich mochte diese Geschichte einfach von Anfang an: Die Idee ist wirklich großartig, die Umsetzung umso besser und die Charaktere wirklich sehr gut ausgearbeitet. Ja, in der Mitte war es mir etwas zu langatmig, allerdings kriegte die Autorin schnell die Kurve und lieferte im Endeffekt eine völlig andere Geschichte, als ich sie erwartet hatte. “Fanatic” basiert vielleicht auf einer unterhaltsamen Idee, besticht dann aber durch seinen ernsten Ton, der allerdings sehr unterhaltend daher kommt und dennoch so im Gedächtnis bleibt, dass man wirklich ernsthaft darüber nachdenkt. Es ist schwierig, diesen Punkt zu erklären, ohne zu spoilern, wichtig ist aber einfach nur zu wissen, dass es vielmehr ist als eine bloße Idee. Viel mehr. Dafür gibt es von mir 4,5 Sterne und eine klare Leseempfehlung für Jugendbuchfans – ihr werdet diese Geschichte lieben!