Geflüchtet von Abdullah Al-Sayed #rezension

Geflüchtet von Abdullah Al-Sayed #rezension

April 17, 2018 2 Von BenniCullen
Buchcover: © Arena Verlag

 

Titel: Geflüchtet
Untertitel: Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien
Autor: Abdullah Al-Sayed
Verlag: Arena
Seiten: 216
Ausgabe: Taschenbuch
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 16. Februar 2018
ISBN-10: 3401603299
ISBN-13: 978-3401603292

Abdullah kommt aus Syrien. Er ist 16, als er aus seinem Heimatort Ar-Raqqa flieht. Sein älterer Bruder wurde verschleppt, sein Vater bei einem Bombenangriff getötet. Weil die Bedrohung immer größer wurde, stattete seine Familie ihn mit Geld aus. Abdullah schlug sich nach Deutschland durch. In einem Jugendheim findet er Sicherheit und ein neues Zuhause. Doch das Ankommen ist nicht leicht: Hautnah erlebt Abdullah, dass Flüchtlinge wie er als “Islamratten” beschimpft werden. Ständig spürt er misstrauische Blicke. Doch er bekommt auch immer wieder freundliche Hilfe, die ihm Hoffnung gibt. Hoffnung auf seine Zukunft in Deutschland, in einer Welt ohne Krieg.
Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – ein herzliches Dankeschön dafür (:
Bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde mir das Buch vorgestellt und ich war mir sofort sicher: Das musst du lesen! Denn ein Buch, welches die Flüchtlingssituation von 2015/2016 thematisiert und dabei auch noch so persönlich ist, das muss einfach etwas für mich sein! Als es dann bei mir ankam, dauerte es nicht lange und ich fing mit dem Lesen an – und war wie im Rausch. Was das bedeutet, erfahrt ihr jetzt.
Wir lernen Abdullah kennen, der mit 16 Jahren in Deutschland ankommt. Er berichtet von seinen ersten Tagen in Deutschland, dabei lernen wir ihn erst kennen als er gerade auf dem Weg in ein Kinderheim im Hartz ist. Zwischendurch gibt es immer wieder Flashbacks, wo wir erfahren, wie sein Leben in Syrien war – vor und während dem Krieg, der dort seit Jahren tobt. Der Leser erhält wertvolle Einblicke in die Geschichte des Landes als auch emotionale Momente, die Abdullah in einem fremdem Land erlebt – hautnah und echt. Wo das hinführt, erfahren wir, doch wir lernen besonders eins: Ein neues Leben ist ständig ein “work in progress”.
Ich muss gestehen, dass ich Abdullah vom ersten Moment an mochte. Er ist so ein kluger, sympathischer und, sorry für das Wort, normaler junger Mann, dass man sich einfach sofort mit ihm identifizieren kann. Man schließt ihn einfach sofort ins Herz, was natürlich großartig ist, da man sofort mitfühlt und sich gut in seine Lage hineinversetzen kann. Dies führt dazu, dass man an seinen Worten hängt und unbedingt wissen möchte, was seine Vergangenheit, aber auch seine Zukunft ist. Und genau hier sind wir bei einem sehr starken Aspekt des Buches: Abdullah als Identifikationsfigur. Wir betrachten den Syrienkonflikt nicht objektiv aus einer höheren Ebene, sondern erleben ihn hautnah durch Abdullahs Augen. Das führt dazu, dass man bei vielen Aspekten viel tiefgründiger nachdenkt und einen besseren und sehr viel authentischeren Eindruck erhält.

Hinzu kommen dann noch die ganzen Informationen, die wirklich geschickt eingebaut werden. In einem Kapitel werden die Anfänge des Krieges zwar sehr detailliert, aber gleichzeitig auch sehr interessant aus dem Blickwinkel des Jugendlichen erzählt. Später werden diese Informationen auch noch durch die des weiteren Verlaufes ergänzt, sodass man ein wirklich gutes Bild erhält, wie es in dem Land zum Krieg kommen konnte. Natürlich können diese Ausführungen nicht die eigentliche Recherche ersetzen, doch als Einstieg gelingt es dem Buch sehr gut die wichtigsten Aspekte auf einen Punkt zu bringen. Kombiniert wird das dann durch eine wirklich emotionale Geschichte, denn wir erfahren in den Ausführungen natürlich auch, wie es dazu kam, dass Abdullah aus Syrien fliehen musste.

Besonders ergreifend waren hier die Flüchtlingsgeschichten seiner Familienmitglieder. Abdullah reist mit einem Cousin zunächst in die Türkei, bevor er über die Balkanroute nach Deutschland kommt. Seine Brüder sowie seine Mutter und die kleine Schwester flüchten auch in die Türkei – jedoch erleben sie eine völlig andere Art des Flüchtens. Was das heißt, verrate ich hier nicht, doch so viel darf gesagt werden: Jede Geschichte regt zum Nachdenken an und zeigt deutlich, wie verzweifelt die Menschen in Syrien waren. Dabei werden auch die finanziellen Komponenten berücksichtigt, sodass der Leser einen wirklich ausgewogenes und sehr differenziertes Bild erhält. Dabei wird aber auch die emotionale Seite nicht vernachlässigt, was ich persönlich als sehr gelungen empfunden habe.

Besonders beeindruckend – neben all den Umständen und der Thematik – fand ich dabei die persönliche Entwicklung Abdullahs. Dieser junge Mensch, der in ein ihm völlig fremdes Land kommt, ohne Familie, ohne Freunde – mit nichts als einem Rucksack. Dieser junge Mensch schafft es, sein Leben hier zu meistern und setzt sich Ziele. Vielleicht sind diese zunächst unrealistisch, doch mehr und mehr kommt durch, worum es eigentlich geht. Um Glauben. Vertrauen. Und besonders darum, für seine Träume zu kämpfen und sich für diese einzusetzen. Eine Message, die nicht nur Flüchtlinge inspirieren kann, sondern universell für jeden einzelnen Jugendlichen gelten kann. Und genau diese allumfassende Aussage hat mich schwer beeindruckend – besonders, da sie von einem Jungen kommt, der selbst so viel Leid erlebt hat.
Was soll ich sagen, außer, dass mir “Gefüchtet” wahnsinnig gut gefallen hat. Nicht nur, dass das Buch es geschafft hat, die Geschichte Syriens wahnsinnig gut darzustellen. Auch emotional traf das Buch genau die richtige Stelle und schaffte es, dass man mit dem Protagonistin mitfühlen konnte. Diese beiden Komponenten konnten perfekt zusammengeführt werden und führten dazu, dass man die angesprochene Thematik aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten konnte. Für mich ist das Buch wirklich ein Tipp für jeden – denn wir alle waren Zeugen der Flüchtlingssituation in 2015 und 2016 und wir alle müssen mit den Herausforderungen, aber auch mit den Chancen umgehen. Dies kann nur geschehen, wenn man anfängt, sich mit den Menschen, die zu uns gekommen sind, zu identifizieren und durch ihre Augen die Situation zu betrachten – dafür kann es einfach nur 5 Sterne geben, denn genau das tut dieses Buch. Hervorragend!