Nicht weg und nicht da von Anne Freytag #rezension

Nicht weg und nicht da von Anne Freytag #rezension

März 19, 2018 3 Von BenniCullen
Buchcover: © Heyne fliegt
Titel: Nicht weg und nicht da
Autor: Anne Freytag
Verlag: Heyne fliegt
Seiten: 480
Ausgabe: Hardcover
Auflage: 1
Erscheinungstermin: 19. März 2018
Preis: 16,00 €
ISBN-10: 3453271599
ISBN-13: 978-3453271593

Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen Ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag aus heiterem Himmel eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt – es ist die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und dem verschlossenen Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser so aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern ihres Lebens zu entdecken …

Das Buch wurde mir von der Autorin und dem Verlag als Pressexemplar zur Verfügung gestellt – ein herzliches Dankeschön dafür (:

Wenn Anne Freytag ein neues Buch ankündigt, dann flippe ich aus – und da bin ich wohl nicht der einzige, denn sofort sieht man auf allen möglichen Blogs, wie die Betreiber sich das Buch auf ihre Wunschliste setzen. Ich war im letzten Jahr total begeistert von den Büchern “Mein bester letzter Sommer” und “Den Mund voll ungesagter Dinge” – besonders letzteres wird für mich immer ganz besonders sein, denn es war mein erstes Buch der Autorin und die Protagonistin hat für immer mein Herz gestohlen. Umso gespannter war ich dann also, wie die neue Geschichte sein wird. Ich erwartete einen philosophischen und sehr markanten Schreibstil (wenn man Anne liest, liest man Anne wirklich), gleichzeitig aber auch sehr viel Emotionen und ganz viel Tiefgründigkeit. Ob mir “Nicht weg und nicht da” genau das geboten hat, erfahrt ihr jetzt.

Luise weiß nicht mehr wohin mit sich. Seitdem sich ihr großer Bruder umgebracht hat, wandelt sie völlig ziellos umher und findet einfach keinen Weg, ihr Leben wieder aufzunehmen – ein Leben, welches sie eigentlich immer im Schatten ihres Bruders geführt hat. Doch Luise trifft bald auf Jacob, der ihre ganze Welt verändert und ihr die Kraft gibt, wieder zurück ins Leben zu kommen. Luise wächst, doch genau in solchen Momenten hält das Leben die größten Überraschungen bereit und Luise muss es einerseits schaffen, ihre Vergangenheit zu bewältigen und andererseits versuche, in die Zukunft zu blicken. Ob sie das jemals schafft? Der Leser begleitet sie durch eine Geschichte, wie nur das Leben sie schreibt – oder eben Anne Freytag.

Ich war vom ersten Moment total in der Situation drin. Anne schafft es, dass man sofort einen Bezug zu Luise herstellt und eine Art Beschützerinstikt entwickelt, denn die Protagonistin ist wirklich vom Leben gezeichnet und steht mit dem Rücken an der Wand. Deshalb wollte ich sie auch ab dem ersten Moment fest in meine Arme schließen und ihr am liebsten sofort zur Hand gehen und ihr sagen, dass alles besser wird. Diese rasche Verbindung, die ich da aufgebaut habe, ist wirklich sehr selten, normalerweise brauche ich immer etwas, bis ich mit Figuren so eng bin. Doch die Autorin schafft es ab dem ersten Moment die Situation so glaubhaft und eindringlich zu beschreiben, dass man gar nicht anders kann als sich zu verlieben – in die Figur, ihren Charakter und ihre Art.

Schön fand ich dabei, wie mit dem Thema Selbstmord umgegangen wird. Ich hatte das Gefühl, eine Geschichte zu lesen, die genau so stattfinden hätte können. Nichts war beschönigt oder gar zensiert, alles war echt und tat so weh, als ob es wirklich gerade passiert wäre. Genau aufgrund dieses Aspekts bin ich von der Autorin so begeistert und genau deshalb habe ich mich sofort in die Geschichte verliebt. Kristopoher war nicht nur Luises Bruder, sondern wurde im Lauf der Geschichte auch zu meinem und jede Nachricht von ihm, jede Erinnerung an ihn und jede Situation mit ihm tat mir im Herzen weh und führte wohl auch zu einigen Tränen, die ich während des Lesens verdrücken musste.

Vom Stil her ist es Anne Freytag at her best! “Nicht weg und nicht da” zeigt wieder ihren sehr philosophischen und scheinbar leichten Schreibstil, der aber aufgrund dieser Simplizität erst recht beeindruckt und sofort in einen übergeht. Die kurzen Kapitel führten dazu, dass die Geschichte nur so verflog und ich tatsächlich ganz oft das Buch aus den Händen gelegt habe – nicht, weil es nicht spannend war, sondern weil ich nicht so schnell damit durch sein wollte. Ich hänge einfach and den Lippen dieser Frau und sauge jede ihrer Geschichten auf wie ein Schwamm. Das führt dazu, dass ich die Geschichte nicht nur lese, sondern in ihr lebe und die Figuren nicht als Buchfiguren sehen, sondern als Freunde und Bekannte, mit denen ich gerade etwas erlebe. So eine Intimität zwischen mir als Leser und den Figuren gibt es wirklich nicht allzu oft und ist eine Sache, die ich an Annes Geschichten sehr schätze.

Was will ich mit objektiven Kriterien bewerten, wenn Anne Freytags Geschichten bei mir nicht durch den Kopf gehen, sondern durchs Herz: Ich liebe die Art, wie die Autorin Figuren skizziert, wie sie Geschichten erzählt und wie sie es jedes Mal aufs Neue schafft, echte Geschichten einzufangen und sie aufs Papier zu bringen. Geschichten, die nicht nur unterhaltend und laut sind, sondern eben oft auch ganz klein und leise – im positivsten Sinne! Für mich ist Anne Freytag eine Ausnahmeautorin, die ihr ganzes Herz in ihre Geschichten steckt und genau das lese ich in jeder Zeile heraus.

Liebe Anne, Gratulation! Du hast ein weiteres Meisterwerk kreiert, dass tausende von Menschen berühren und bestimmt in ganz vielen Herzen einen besonderen Platz ergattern wird. Luise wird mit Liebe zugeschüttet und Kristopher wird der Bruder sein, den man schmerzlich vermisst. Deine Art Geschichten zu erzählen ist unglaublich und ich hoffe inständig, dass wir noch ganz viel von dir lesen werden. Danke. Für deine Art. Für deine Geschichte. Und für Luise.

P. S.: Jetzt ratet doch mal, wie viel Sterne ich vergebe? Natürlich, genau, 1 Stern. Quatsch! Könnte ich 1 Millionen Sterne vergeben, wären es noch zu wenig. Ich liebe dieses Buch. Mit Haut und Haar und vom ganzen Herzen. Luise, Kristopher und Jacob – DANKE!