“Love, Simon” oder “Nur drei Worte” – ein Buch/Film-Vergleich und meine Geschichte

“Love, Simon” oder “Nur drei Worte” – ein Buch/Film-Vergleich und meine Geschichte

August 16, 2018 1 Von BenniCullen

Meine Süßen,

herzlich Willkommen zu einem neuen Beitrag. Es ist der erste dieser Art, weshalb ich auch ein klein wenig aufgeregt bin, weil ich nicht weiß, wie dieser Post am Ende aussehen wird 😀 Ich weiß zwar, welche Aspekte ich gerne darstellen wollen würde, aber wie ich sie am sinnvollsten erzähle, das weiß ich irgendwie noch nicht. Oder besser gesagt: Ich wusste es bis vor wenigen Momenten vor dem Abtippen nicht. Denn nachdem ich mir alles mögliche überlegt hatte, habe ich mir (wie so oft in meinem Leben) gedacht: Keep it as simple as possible. And as true as possible. Also: Mach es so einfach und so realitätsnah wie möglich. Und deshalb steht im Titel auch sowohl Buchgeschichte als auch Buch/Film-Vergleich. Denn zum einen möchte ich euch sagen, warum ich das Buch “Simon vs. the Homo Sapiens Agenda” oder “Nur drei Worte” zunächst nicht lesen wollte, warum ich dann doch in den Film “Love, Simon” bin und im Anschluss auch das Buch gelesen habe und zum anderen möchte ich euch etwas über meine Geschichte und meine Homo Sapiens Agenda erzählen. Denn all das ist eine kleine Buchgeschichte aus meinem Leben, die vielleicht für den ein oder anderen interessant sein dürfte, schlussendlich kann man aber Teile des Beitrags auch als Filmkritik und Buchrezension lesen – je nachdem, was ihr also sucht, ihr werdet es mit Sicherheit irgendwie irgendwo finden. Los geht’s also mit einem Beitrag der ganz anderen Art 😀

Warum ich “Love, Simon” nicht lesen wollte…

Bereits im letzten und vorletzten Jahr kam man quasi überhaupt nicht um die Geschichte herum. Im englischsprachigen Raum wurde das Buch eigentlich seit seiner Veröffentlichung im April 2015 total gehypt, was wohl auch daran lag, dass relativ schnell bekannt wurde, dass es einen Film dazu geben wird, den 20th Century Fox produzieren sollte. Im darauffolgenden Jahr, also 2016, fand dann die deutsche Veröffentlichung unter dem Titel “Nur drei Worte” statt und ich muss sagen, dass das zunächst etwas an mir vorbei gegangen ist. Doch dann folgte das Jahr 2017 und gefühlt jeder las das Buch und war total begeistert. Als ich dann bei manchen Bloggern und Freunden nachfragte, was den so besonders daran sei, meinten viele, dass es sehr emotional ist und diese Coming Out-Geschichte einfach unter die Haut geht. Und da war bei mir dann schon klar:

Jo, emotional schön und gut, aber ist so gar nichts für mich.

– Benni, irgendwann 2017

Denn ich muss keine Coming Out-Geschichte lesen. Auch keine fröhliche. Und erst recht keine schreckliche. Denn etwas, was ich nie so richtig auf Social Media oder meinem Blog thematisiert habe, ist mein eigenes Coming Out, das mehr als richtig schrecklich war. Ich möchte jetzt gar kein Mitleid für diese Aussage oder ein gut gemeintes, aber jetzt wirklich völlig unnötiges “Ohhhhhhh, der Arme”. Im Gegenteil. Ich kann heute sagen, dass mich mein Coming Out stark gemacht und mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Und darauf bin ich mehr als stolz. Kurz aber zu den Hintergründen: Meine Eltern sind selbst recht konservativ erzogen worden. Deshalb hatten sie auch immer sehr festgefahrene Vorstellungen von Menschen und wie deren Leben auszusehen hat. Jetzt gebraucht man ja den Begriff “konservativ” auch oft in einem negativen Zusammenhang, dabei sagt es ja eigentlich nur aus, dass jemand eben sehr traditionell lebt und diese klassischen Ansichten auch vertritt. Was für mich vollkommen okay ist, denn jeder Mensch ist halt anders und Traditionen und Altbewährtes gibt ja auch irgendwie Sicherheit. Und eins muss ich meinen Eltern wirklich lassen: Obwohl sie so traditionell waren, haben sie mich nie bewusst eingeschränkt.

Benni will mit Barbies spielen? Lass ihn halt, mein Gott. Benni steht nicht auf Fußball? Ja, ist halt so. Benni versteht sich eher mit Mädchen als mit Jungs? Passiert.

– Meine Eltern, eigentlich immer bis vor sechs Jahren

Dennoch konnte ich schon als kleines Kind wahrnehmen, dass mich meine Eltern mit diesem Blick ansahen, der zeigte, wie sehr sie sich um mich sorgten. Wie viel Angst sie hatten, dass ich es in meinem Leben mal schwer haben könnte, eben weil ich so bin wie ich bin. Und dass sie Angst davor hatten, sich irgendwann mit dem zu beschäftigen, was mich mit ausmachte.

Aber gut, diese Sorgen konnten sie eine sehr lange Zeit von sich wegschieben. Denn im Gegensatz zu ihren Befürchtungen, lief mein Leben sehr viel normaler ab als gedacht: Ich ging zur Schule, hatte (bis auf die Grundschulzeit) keine Probleme mit dem Stoff oder meinen Mitschülern, machte mein Abitur, hatte viele Freunde und war immer mit anderen Menschen unterwegs. Ich nahm Klavierunterricht, ging in den Chor, zog meinen Führerschein durch und ging mit 18 arbeiten. Im Anschluss an mein Abitur ging ich dann für ein Jahr nach England und fing dann an zu studieren. Alles sah so richtig perfekt und so gar nicht problembehaftet aus. Bis ich dann meinen Freund kennenlernte. Und der Ärger anfing.

Ich werde jetzt nicht sagen, was für Worte gefallen sind, welche Situationen es gegeben hat und warum mich das alles mehr aus der Bahn geworfen hat, als ich heute vielleicht auch zugeben würde. Nur so viel: Es war wirklich schrecklich. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich tatsächlich alle Seile reißen wollte, um gar keinen Kontakt mehr zu meiner Familie zu haben. Und das heißt was, schließlich wurde mir eigentlich von Anfang an beigebracht, dass Familie über allem steht. Das habe ich zwar ständig gehört, aber leider nie wahrlich gespürt.
Um aber jetzt zurück auf “Love, Simon” und alle anderen Coming Out-Geschichten zu kommen: Eben weil ich so viele negative Erfahrungen mit meinem Coming Out gemacht habe, will ich solche Geschichte eigentlich nicht lesen. Mir braucht niemand zu erzählen, wie sich ein Coming Out anfühlt – ich habe es selbst am eigenen Leib erfahren. Und weil das Thema einfach einer meiner wunden Punkte ist, lese ich darüber nicht so gerne. Weil ich dann nur wieder zurückversetzt werde zu dem Moment, an dem so vieles schief ging. Und so nahm ich die positiven Reaktionen zu “Nur drei Worte” wahr, freute mich für die Art von Geschichte (LGBTQ+-Stories sollte es eh viel öfter so present geben), wusste aber, dass ich sie eher nicht lesen werde…. bis zu dem einen Moment, an dem ich überredet wurde, in den Film zu gehen.

Die Verfilmung, die alles veränderte

Denn an einem Nachmittag war ich mit Freunden in der Stadt bei einer Veranstaltung des Thalia in Nürnberg. Dort präsentierten die Buchhändler aus der Young Adult-Abteilung ihre Highlights. U. a. dabei: “Nur drei Worte”. Bereits vorher hatten wir beschlossen, nach der Veranstaltung ins Kino zu gehen. Es gab mehrere Auswahlmöglichkeiten und ich stellte von Anfang an klar, dass es mir egal war, in welchen Film wir gehen würden – obwohl ich eben wusste, dass “Love, Simon” dabei war. Als sich die Gruppe dann dafür entschied, fand ich das okay, denn hey: Knapp 1,5 Stunden eine solche Geschichte zu erleben, ist ja noch okay.

So gingen wir dann also in die Abendvorstellung und ab der ersten Minute des Films war ich emotional sofort drin – dabei wollte ich mich ja ursprünglich mit der Geschichte gar nicht beschäftigen!

Aber Simon schaffte es, sich einen Weg in mein Herz zu bannen. Denn er verkörperte irgendwie einen Teil meines jüngeren Ichs. Denn so wie Simon wollte auch ich einfach nur ein ganz normales Teenager-Leben führen. Aber wenn man in so jungen Jahren feststellt, dass man “ein so normales Teenager-Leben” nicht hat, weil man sich ständig damit beschäftigt, dass eine Sache einen von den anderen unterscheidet, dann ist man vielleicht nicht so ausgelassen wie man das gern sein würde. Und genau dieser Punkt konnte mich so begeistern: Simon war kein Klischee, er war einfach nur eins – ein Teenager. Der nicht wirklich auffallen wollte, sondern einfach nur sein Ding durchziehen möchte. Und während er wirklich viel erlebte und seinen ganz eigenen Weg fand, sich seinen Dämonen zu stellen, wusste ich eins: Simon ist wahrscheinlich momentan eine DER Identifikationsfiguren für so viele Jugendliche in seinem Alter. Und das mit recht. Denn wenn es einer Message bedarf, dann, dass es völlig okay ist, so zu sein, wie man das möchte. Und es ist auch völlig okay, sich Zeit zu lassen, um damit klar zu kommen. Und es ist noch viel mehr okay, wenn man sich Zeit lässt und selbst entscheidet, wann man es anderen Menschen sagt. All das war in diesem kleinen Film und das berührte mich. Nicht nur irgendwie, sondern wirklich sehr tief und ganz intensiv.

Vielmehr jedoch führten die Dialoge dazu, dass ich Tränen noch und nöcher vergoß. Denn zwei der stärksten Szenen spielten sich zwischen Simon und seinen Eltern ab. In der einen spricht seine Mutter mit ihm, in der anderen sein Vater. Ich weiß nicht mehr genau, wie der exakte Wortlaut der Mutter hieß, aber allgemein wollte sie ihrem Sohn sagen, dass sie so froh ist, dass es nun raus ist, denn sie hätte immer im Gefühl gehabt, dass auf Simons Schultern wie so eine Art Stein liegt. Ein Stein, der ihm nicht ermöglichte er selbst zu sein. Der ihn am weitergehen hinderte und ihn in seiner Person einschränkte. Ein Stein, der jetzt von ihm abgefallen wäre und genau das mache sie so stolz. Dass Simon nun genauso sein könne, wie er ist, ohne Angst haben zu müssen, was dieser heruntergefallene Stein auslösen könnte. Er könne nun zum ersten Mal frei atmen und der sein, der er ist – denn er war es schon immer, kann es aber nun frei ausleben. Dieser Dialog war so stark und so aufrichtig, dass ich einfach nicht an mir halten konnte. Und auch das Gespräch mit dem Vater, bei dem ich mir eigentlich nur ständig gedacht habe:

Genau SO sollte einfach jeder reagieren und genau DAS sollte einfach jeder sagen!

Damit war der Film für mich nicht einfach nur eine Coming Out-Story, die jetzt halt erzählt wird, weil es eben modern ist, eine LGBTQ+-Geschichte zu erzählen. Sondern eine Geschichte, die wichtige Signale setzt und die sich ganz genau überlegt, was sie wann sagt, welche Ziele sie hat und die klar macht, dass jede Geschichte anders ist. Jedes Coming Out ist unterschiedlich, jede Person ist individuell und jede Story ist für sich zu betrachten. Keine Generalisierung. Keine Überdramatisierung. Und besonders keine Absolution. Das alles hat mich Feuer und Flamme für diese Geschichte werden lassen, weshalb ich sofort wusste: Das Buch wird es werden!

Meine Gedanken zum Buch

Und so las ich dann auch die Geschichte als erstes Buch in meinem Sommerurlaub 2018 und war wieder total vernarrt – in die Geschichte, in Simon und besonders in die Gedankengänge, die in diesem Buch stecken. Denn auch hier finden wir die gleiche Stimmung, die gleiche Art und die gleichen Empfindungen wieder, wie bereits im Film. Und das, obwohl die Storyline sowie die Persönlichkeit mancher Charaktere wirklich so völlig anders ist als im Buch. Um ehrlich zu sein, habe ich die Geschichte (und hier spreche ich nur von der Geschichte, nicht von den Figuren oder den Gefühlen) gar nicht mehr wiedererkannt. Im Buch passieren Dinge viel subtiler, wir sind viel näher an Simon und seinen Gefühlen dran und auch die Entwicklungen sind bei weitem nicht so tragisch, wie noch im Film. Dennoch störte mich das nicht. Im Gegenteil. Denn die Grundessenz der Geschichte war noch vorhanden. Eben diese Gedanken, um die es mir ging und weshalb ich auch meine eigene Geschichte beschrieben habe. Die waren da – sowohl im Buch als auch im Film. Und genau das ist es, was mich so begeistert hat. Denn es wurde nichts übergeneralisiert oder gar so dargestellt, als sei das der einzige Weg, wie ein Coming Out laufen könnte. Im Gegenteil: Die Art der Geschichte, wie Simon sein Coming Out erlebt, ist wohl wirklich eher die Ausnahme, anstatt die Regel. Und dennoch können wir mitfühlen, uns in ihn hineinversetzen und Dinge für uns selbst herausziehen – wenn wir das denn wollen und das auch brauchen.

Und das alles passiert nur, weil wir so nah an Simons Gedanken sind – etwas, was der Film dann doch nicht so gut schafft.

Dabei waren die Figuren so liebevoll ausgearbeitet und hatten ihre ganz eigene Persönlichkeit. Das überzeugte mich eigentlich am meisten, denn diese Liebe merkte man dann wiederum bei der Verfilmung. Und die merkte man dort eben nur deshalb, weil sie so deutlich im Buch ist. Egal ob Leah, Abby oder Nick – diese Gruppe von Teenagern, die alle so unterschiedlich waren, aber dennoch eins gemein hatten: Ihre Freundschaft und ihre Liebe füreinander. Hinzu kam dann noch, dass (anders als im Film) sie Simons Situation so herrlich selbstverständlich annahmen und ihm genau da halfen, wo er es gebraucht hat. Diese Art der Darstellung fand ich mehr als gelungen und verursachte bei mir wirklich Gänsehaut!

So richtig schade fand ich eigentlich nur, dass es die oben angesprochenen Dialoge, die mich im Film so berührt haben, im Buch eigentlich fast nicht gab. Ja, es gab einen Austausch mit den Eltern, aber so richtig bewusst wahrgenommen hatte ich den irgendwie nicht. Okay, im Buch ging es, wie bereits gesagt, mehr um Simons Innenwelt, dennoch hätte ich mir hier die Verschriftlichung der Szenen gewünscht. Außerdem fand ich schade, dass es eine Person, die im Film so nebenbei thematisiert wird, gar nicht gab, dabei fand ich gerade den Aspekt wirklich interessant und gut umgesetzt. Nun gut, man kann nicht alles haben und dafür überzeugte mich das Buch eben mit der Gedankenwelt und den Figuren an sich.

Mein Fazit – Buch oder Film?

Ehrlich? Ich könnte mich einfach nicht entscheiden. Im Buch sind einem als Leser die Figuren so viel näher und Simons Gedankenwelt zieht einen förmlich in die Geschichte. Dafür fand ich aber, dass die Dialoge im Film wesentlich stärker waren und besonders die Situation mit Simons Eltern besser herausgearbeitet wurde. Beide jedoch haben diese einzigartige Atmosphäre gepaart mit einem sehr durchdachten und dennoch emotionalen Kern, der für immer in meinem Herzen bleiben wird. Deshalb kann ich gar nicht sagen: “Oh, das Buch war aber tausend Mal besser als der Film” oder andersherum. Denn nein, ich fand jetzt nicht, dass eine Sache soooo viel besser war als die andere. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich bei der einen Form der Geschichte mehr emotional involviert war als bei der anderen. Im Gegenteil: Sowohl der Film als auch das Buch haben mich schlucken lassen und mich zum Nachdenken angeregt. Und deshalb sage ich:

BITTE BITTE lest dieses Buch, schaut euch den Film an und feiert dann einfach beides, denn beide Formen haben es verdient in die Welt hinausgetragen zu werden und sich für immer in die Herzen von Jugendlichen zu brennen. Amen.

So viel zu meinen Gedanken rund um die Geschichte von Simon und Blue. Übrigens bin ich extra nicht auf die Liebesgeschichte eingegangen, denn 1. war die ja eh zuckersüß und 2. ging es für mich sowohl im Buch als auch im Film nicht hauptsächlich um die Liebesgeschichte, sondern darum, wie man lernt, sich selbst so zu nehmen wie man ist. Und viel mehr noch: Wie man eigene Entscheidungen trifft und genau so lebt, wie man das möchte. Denn das haben wir letztendlich alle verdient.

So viel dazu, ich wünsche euch jetzt noch einen wunderschönen Tag und bis ganz bald,

Benni | Lenny.